Wenn Nachdenken nicht mehr weiterhilft – ein Einblick ins systemische Coaching
Ein Beispiel aus meiner Coaching-Praxis – mit Einverständnis des Klienten und anonymisiert.
„Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll. Ich habe alles schon tausendmal durchgedacht." – So hat ein Klient seine Situation beschrieben, als er zu mir ins Coaching kam. Er wollte sich selbstständig machen, mit einem Projekt, das ihm wirklich am Herzen lag. Und trotzdem kam er seit Monaten nicht vom Fleck.
Vielleicht kennst du dieses Gefühl: Du weißt eigentlich, was du willst – oder zumindest, dass sich etwas verändern soll. Du hast die Argumente sortiert, Listen geschrieben, Pro und Contra abgewogen. Aber je länger du darüber nachdenkst, desto schwerer fällt es dir, den ersten Schritt zu machen oder loszulaufen.
Wenn die Pro-Contra-Liste zur Sackgasse wird
Mein Klient brachte zur ersten Sitzung mehrere Listen mit. Er wollte sie mit mir Punkt für Punkt durchgehen, mir alles erklären, mich von der Tiefe seiner Überlegungen überzeugen. Er war ein reflektierter Mensch, das war sofort spürbar. Und genau darin lag das Problem.
Wir hätten die Listen gemeinsam durchgehen können. Das wäre höflich gewesen und hätte ihm das Gefühl gegeben, ernst genommen zu werden. Aber es hätte ihn nicht weitergebracht. Denn er war diese Listen schon hundertmal allein durchgegangen, und stand ja nun trotzdem an derselben Stelle.
Warum mehr Nachdenken manchmal in die Starre führt
Wenn Menschen vor einer wichtigen Entscheidung stehen, ist die erste Reaktion oft, mehr Informationen zu sammeln, Pro und Contra abzuwägen, zu rechnen und zu planen. Das ist auch sinnvoll – bis zu einem bestimmten Punkt.
Bei reflektierten Menschen ist dieser Punkt oft schon lange überschritten, wenn sie ins Coaching kommen. Sie haben die rationale Ebene ausgeschöpft. Und trotzdem fehlt etwas zur Entscheidung. Vielleicht eine Form von innerer Klarheit, die sich rein gedanklich nicht herstellen lässt.
In diesen Fällen führt noch mehr Nachdenken nicht zu mehr Klarheit, sondern zu mehr Lähmung. Die Argumente kreisen, das Gefühl wird enger, der nächste Schritt rückt weiter weg statt näher.
Der systemische Ansatz: Den Blick erweitern
Im systemischen Coaching gehen wir davon aus, dass jeder Mensch die Antworten auf seine Fragen bereits in sich trägt – auch wenn sie gerade nicht zugänglich sind. Unsere Aufgabe als systemische Coaches ist es nicht, Lösungen von außen vorzuschlagen, sondern den Raum zu schaffen, in dem die eigenen Antworten sichtbar werden können.
Manchmal heißt das, gemeinsam Hintergründe zu beleuchten. Manchmal heißt es, einen Perspektivwechsel anzustoßen. Und manchmal heißt es, die rationale Ebene bewusst zu verlassen und auf eine andere Art auf das Anliegen oder Ziel zu schauen. Und genau das habe ich in dieser Sitzung mit meinem Klienten getan.
Die Methode: Skalierungslauf
Anstatt die Listen weiter zu besprechen, habe ich dem Klienten den Skalierungslauf vorgeschlagen – eine Methode aus dem systemischen Coaching, die mit räumlicher Bewegung arbeitet.
Dabei markieren wir auf einer im Raum ausgelegten Skala zwei Positionen: einen Punkt für die aktuelle Situation und einen Punkt für den gewünschten Zielzustand. Der Klient stellt sich nacheinander auf beide Punkte und nimmt wahr, was sich zeigt – nicht über das Denken, sondern über Bilder, Gefühle, Körperempfindungen.
Das klingt zunächst ungewohnt, gerade für jemanden, der es eher gewohnt ist, sich kognitiv durch alles zu arbeiten. Und genau darin liegt die Wirkung, die wir sehr häufig bei dieser Methode erleben: Der Skalierungslauf bringt Informationen an die Oberfläche, die im reinen Durchdenken meist nicht erreichbar sind.
Was sich verändert hat
Beim aktuellen Zustand zeigte sich beim Klienten zunächst kaum ein Bild. Er berichtet von Nebel, diffusen Bildern, Unklarheit. Und – das war auffällig – er war allein in diesem Bild.
Beim Zielzustand passierte dann etwas Entscheidendes: Plötzlich entstand ein klares Bild. Er war nicht mehr allein: Um ihn herum standen Menschen, eine Gruppe, die mit ihm an der Idee arbeitete.
In diesem Moment wurde etwas sichtbar, das in seinen Listen nicht vorgekommen war: Er musste das gar nicht alleine schaffen. Der nächste Schritt war nicht ein perfekter Plan auf dem Papier – sondern Menschen für sein Herzensprojekt zu begeistern.
Er wirkte nach dieser Sequenz spürbar leichter. Wo vorher Lähmung war, war nun eine Richtung erkennbar für ihn. Es war nicht die ganze Lösung bis zum Ende durchdacht und vorgeplant, aber der erste konkrete Schritt. Und das war genau das, was er brauchte, um endlich anzufangen und loszulaufen.
Was ich aus solchen Sitzungen mitnehme
Reflektierte Menschen haben ihre Argumente meistens schon gesammelt, strukturiert und mehrfach durchdacht, wenn sie zu uns ins Coaching kommen. Noch eine weitere Runde des Abwägens bringt sie selten weiter. Manchmal führt sie dies sogar tiefer in die Starre.
Was hilft, ist oft etwas anderes: der Blick nach innen. Über Bilder, Emotionen, Körperwahrnehmungen. Genau dafür haben wir als systemische Coaches verschiedene Methoden – und genau dort setzen wir oft an, wenn das Nachdenken allein nicht mehr weiterführt.
Coaching heißt für uns nicht, Antworten zu liefern. Es heißt, gemeinsam mit dir den Raum zu öffnen, in dem deine eigenen Antworten für dich sichtbar werden.
Du steckst gerade selbst in einer ähnlichen Situation?
Wenn du dich beim Lesen wiedererkannt hast – wenn du das Gefühl hast, dass du alles schon durchdacht hast und trotzdem nicht weiterkommst – dann lohnt es sich vielleicht, mal eine andere Perspektive einzunehmen. Wir laden dich gern zu einem kostenlosen Kennenlerngespräch ein. In 15 Minuten schauen wir gemeinsam, ob ein Coaching bei uns der richtige Weg für dich sein könnte. Unverbindlich und kostenlos: Kostenloses Kennenlerngespräch vereinbaren
– Ricarda
